Die Familie, wie uns die alte Dame erzählte, konnte sich nicht sonderlich für Hitler und seine Taten begeistern, so versteckten sie beispielsweise Juden in ihrem Haus oder halfen einigen finanziell aus. Auch als Kind spielte sie mit jüdischen Kindern des Öfteren auf der Straße. Dennoch war der Kontakt zu jüdischen Mitschülern nicht sehr groß, da sie auf getrennte Schulen gingen. Interessant war die Tatsache, dass bis zur Deportation der Juden über 2100 Menschen jüdischer Abstammung in der Stadt lebten. Wir erfuhren vieles über Frau Müller-Klements Kindheit und Jugend im „Dritten Reich“, z. B. das Absolvieren des „Reichsarbeitsdienstes“ in einem Lazarett in Österreich und ihre Mitgliedschaft in der Nationalsozialistischen Jugendorganisation BDM („Bund deutscher Mädel“).
Besonders interessant war, dass, anders als man es vermuten würde, die meisten Deutschen in Hitler das Beste für das Land sahen. Auch über die Reichspogromnacht, die alle damaligen Bürger mitbekommen hatten, berichtete Frau Müller- Klement Einiges. Sie selbst hatte erlebt, wie ihre jüdischen Nachbarn aus den Wohnungen getrieben und viele Möbel und Geschirr auf die Straße geworfen wurden, aber zum Glück keine Todesopfer in ihrem Bekanntenkreis zu beklagen waren. Trotzdem wurde deutlich, dass die nichtjüdischen Familien überwiegend nicht mit Juden befreundet waren, dass aber dennoch diese Nacht für alle ein großer Schock war. Im weiteren Verlauf des Gesprächs erfuhren die Projektteilnehmer einiges über den Zweiten Weltkrieg und im Besonderen über seine direkten Auswirkungen, wie das Bombardement am 16. März, in welchem 5500 Stadtbewohner den Tod fanden. Mit Entsetzen hörten wir von den Folgen der zu tausenden von der „Royal Air Force“ eingesetzten Brandbomben, die ein Inferno auslösten. Durch die Flammen entstand ein „Feuersturm“, welcher einen Sog auslöste, der die Luft der Umgebung anzog. Diesem Sog fielen hunderte unschuldige Menschen zum Opfer. Auch die Schilderung eines Tieffliegerangriffs auf Frau Müller-Klement, als sie sich auf dem Weg nach Margetshöchheim befand, lösten Verwunderung und Unverständnis aus. Nach zwei Stunden Gesprächszeit hatte jeder ausreichend Informationen gesammelt und insgesamt waren alle sehr zufrieden mit dem Interview. Frau Müller- Klement hatte uns sogar von einem Streich erzählt, den ihre Klasse dem Mathelehrer (und Schulleiter) gespielt hatte: Ein nasser Schwamm auf dessen Stuhl… Scheinbar war dies für die sehr gut erzogenen Kinder (was nichts heißen soll!) fast ein Highlight in deren Schulzeit.
Wir waren uns alle einig, dass wir uns durch die mit Emotionen ausgeschmückten Erzählungen besser in die damalige Zeit hineinversetzen konnten. Man bekam einen Eindruck, wie die Menschen damals wirklich lebten und fühlten und nicht nur welche Jahreszahlen sowie Verschwörungen eine Rolle gespielt haben – im Gegensatz zum Geschichtsbuch, in denen die Hauptinformationen nur sehr sachlich wiedergegeben sind und nur wenige Zeitzeugenberichte enthalten sind. Außerdem ist es anders, die Vergangenheit in einem Geschichtsbuch zu lesen als aus dem Mund einer Zeitzeugin zu hören.
Nach dem Interview und dem erfolgreichen Beenden des Lernzirkels waren die Projekttage für die 9d auch schon vorbei. Auf jeden Fall haben wir viel mitgenommen und besonders die Begegnung mit der Zeitzeugin war eine lohnenswerte Erfahrung. Aber dafür ist die Schule schließlich da – oder?
Lara N., Christina S., Joscha K.